“Ambitionen weiter erhöhen”

Ein Gespräch mit Jan-Marten Krebs über die Bedeutung politischer Rahmenbedingungen, unternehmerische Weitsicht und die Hürden bei der Entwicklung einer Klimastrategie. Jan-Marten Krebs ist Gründer und Vorstand der Sustainable AG, die Unternehmen auf dem Weg zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit unterstützt – unter anderem im Projekt „Weg in die <2°-Wirtschaft“ von Stiftung 2° und WWF Deutschland.

Stiftung 2°: Alle reden vom Klimaschutz. Aber wie viele deutsche Unternehmen identifizieren sich tatsächlich mit dem 2-Grad-Ziel und entwickeln eine entsprechende Strategie?

Jan-Marten Krebs: Immer mehr deutsche Großunternehmen, besonders börsennotierte, setzen sich seit Paris ernsthaft mit dem Thema Klimawandel auseinander. Die neuen Klimastrategien beschäftigen sich insbesondere mit der Frage, wie sich die unternehmerischen Treibhausgasemissionen mittel- bis langfristig entwickeln müssen, um in Einklang mit dem 2°C-Limit zu sein. Die Initiative „Science Based Targets“ von WWF, CDP, World Resources Institute und UN Global Compact stellt Methoden bereit, die helfen diesen 2°C-Pfad zu ermitteln. Allerdings haben sich bislang erst zwölf deutsche Unternehmen, darunter die Deutsche Bahn und PUMA, über die Science Based Targets-Kommunikationsplattform öffentlich dazu bekannt, in den nächsten zwei Jahren ein 2-Grad-Ziel zu verabschieden. Die Zahl der deutschen Unternehmen, die aktuell eine 2°C-Klimastrategie entwickeln, dürfte aber mittlerweile mindestens im dreistelligen Bereich liegen.

Wenn man sich jedoch fragt, wie viele Unternehmen ihre Klimastrategie nicht nur auf die Standortemissionen, sondern auch auf Beschaffung, Logistik oder Emissionen der Nutzungsphase – also auf das Kerngeschäft – beziehen, dann fällt die Zahl tendenziell geringer aus. Hier warten viele Unternehmen auf klare Rahmenbedingungen aus der Politik. Das ist nachvollziehbar. Manchmal würde ich mir allerdings mehr Mut von den Unternehmen wünschen, denn es stecken viele Chancen in den Veränderungen – etwa einer möglichen Verkehrswende und der damit verbundenen Elektromobilität.

Die Sustainable AG unterstützt Unternehmen auf dem Weg zu Klimaschutz und Nachhaltigkeit

Gibt es Wirtschaftszweige, wo es einfacher ist, Klimaschutz in die Unternehmensstrategie zu integrieren – und umgekehrt?

Wirtschaftszweige, wo die ernsthafte Integration von Klimaschutz in die Unternehmensstrategie drastische Veränderungen am Kerngeschäft erfordert, tun sich sichtlich schwerer. Dazu zählen vor allem energieintensive Branchen wie die Stahl- oder Aluminiumindustrie oder auch die Automobilindustrie mit ihren emissionsintensiven Produkten. Für Dienstleistungsunternehmen ist es da oft leichter. Je eher aber ein Unternehmen in den anstehenden Veränderungen auch Chancen erkennt, desto geringer sind die Widerstände. Mit den richtigen Lösungen können Unternehmen auch Maßstäbe setzen, die in die gesamte Branche ausstrahlen.

Gibt es typische „Fehler“, die Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung einer Klimastrategie begehen?

Die Bedeutung einer soliden Datenbasis wird oft unterschätzt. Nur wenn die unternehmerischen Treibhausgasemissionen mit einer belastbaren Datenqualität erhoben und bilanziert werden, kann eine Klimastrategie entwickelt und deren Zielerreichung nachverfolgt werden. Dazu gehören auch entsprechende Prozesse des Datenmanagements und die klare Zuweisung von Verantwortlichkeiten im Unternehmen.

Ebenso unterschätzt wird teilweise die Bedeutung einer frühzeitigen Einbindung der Geschäftsführung, aber auch anderer Abteilungen. Insbesondere bei einer langfristigen 2-Grad-Klimastrategie mit direkten Auswirkungen auf das Kerngeschäft müssen alle im Unternehmen an einem Strang ziehen und es muss klar sein, welches die wichtigsten Hebel sind und wann sie bedient werden müssen. Aus meiner Sicht ist es entscheidend, sich zu Beginn der Strategieentwicklung auf die wichtigen Themen zu konzentrieren: Wirkung, Akzeptanz, Wirtschaftlichkeit und Vorbildfunktion.

Welche Bedeutung haben Nachhaltigkeit und eine glaubwürdige Klimastrategie für den ökonomischen Unternehmenserfolg?

Aus meiner Sicht ist das Nachhaltigkeitsverständnis das Verständnis von unternehmerischer Zukunftsfähigkeit. Erkenne ich als Unternehmen die Herausforderungen, die im Klimawandel oder dem demographischen Wandel stecken, und bereite mich frühzeitig darauf vor? Wenn das gelingt, ist ein Unternehmen langfristig erfolgreich und leistet seinen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung. Meine Hypothese ist: Wer sich nicht auf die neuen Anforderungen einstellt, der könnte künftig deutlich Marktanteile verlieren.

Welche Chancen sehen Sie in Projekten wie „Weg in die <2°-Wirtschaft“?

Im Austausch und in der Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg können Experten aus verschiedenen Branchen gemeinsam zu Lösungen kommen, die die Unternehmen aus sich heraus nur selten finden. Das macht den Charme dieses Projekts aus. Alle Beteiligten wollen Lösungen finden – und zwar solche, die über eine inkrementelle Entwicklung innerhalb der Branchen hinausgehen. Denn das würde uns nicht schnell genug auf den <2°-Pfad führen. Viele der Ansätze erfordern die Zusammenarbeit mit neuen Partnern entlang der Wertschöpfungskette – Projekte wie „Weg in die <2°-Wirtschaft“ bieten eine Bühne dafür.

 

Das Interview mit Jan-Marten Krebs erschien zuerst in unserem Magazin “Zwei Grad”.

Fotos: © Sustainable AG ; Stiftung 2°/ Per Jacob Blut