“Klimaschutz ist eine unternehmerische Verpflichtung”

Dr. Michael Otto ist Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group. Auf seine Initiative hin wurde die Stiftung 2° gegründet.

001_dr_mottoDr. Otto, Sie lieben die Natur, reisen gerne auf unbekannten Pfaden durch fremde Länder. Luxushotels sind nicht Ihr Ding, oder?
Das ist tatsächlich so. Ich liebe das Abenteuer in der Natur. Bei den Menschen in den einsamen Gegenden finde ich eine Entspannung, die ich nirgendwo anders finden kann. Dort komme ich aus der Hektik des Alltags heraus, reflektiere über mein Leben und komme wieder mit beiden Füßen auf den Boden. Das ist von unschätzbarem Wert. Deshalb reite ich lieber auf einem Pferd durch das Tienschan-Gebirge in Kirgistan oder mit einer Karawane durch die Mongolei, als mich in einem 5-Sterne-Hotel an den Pool zu legen.

Geht auf diese Naturverbundenheit auch Ihre Initiative für die Gründung der Stiftung 2° zurück? Was hat Sie zu diesem Engagement geführt?
Es gab tatsächlich ein Schlüsselerlebnis, das mein Interesse an diesem Thema geweckt hat. Der erste Bericht des „Club of Rome“ von 1972, „Die Grenzen des Wachstums“, hat mich damals aufgerüttelt. Der Bericht zeigte ganz klar, dass unsere Art des Wirtschaftens die Endlichkeit der Ressourcen nicht berücksichtigt. In einigen Prognosen schoss dieser Bericht aus heutiger Warte vielleicht über das Ziel hinaus, in anderen ist es aber eher schlimmer gekommen. Der Bericht rüttelte auf. Ich fand es deshalb noch wichtiger zu handeln.

Seit den 80er Jahren ist Umweltschutz ein Unternehmensziel bei der Otto Group. Was hat sich seit damals verändert?
Umweltschutz und Sozialverantwortung sind bereits seit damals integraler Bestandteil der Unternehmensstrategie, denn mir war es immer ein Anliegen, so zu wirtschaften, dass nachfolgenden Generationen daraus kein Nachteil erwächst. Als ich in den 80er Jahren Umweltschutz als weiteres Unternehmensziel definiert und strategisch in der Unternehmensführung verankert habe, haben mich etliche Kollegen als weltfremden Öko bezeichnet. Heute sind in der Nachhaltigkeitsstrategie 2020 der Otto Group konkrete Ziele zum Schutz der Umwelt festgehalten. Diese beziehen sich etwa auf die schonende Gewinnung und Verarbeitung von Rohstoffen wie Holz und Baumwolle oder die Verringerung der CO2-Emissionen an den eigenen Standorten oder in der Transportlogistik. In den 90er Jahren ist zudem das Thema sozial verantwortliche Handelstätigkeit in Lieferländern hinzugekommen. Mittlerweile ist die jährliche variable Vergütung aller Mitglieder des Konzernvorstands nicht nur an wirtschaftliche Kennzahlen, sondern auch an die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele geknüpft, wie z. B. CO2-Reduktion um 50 % bis zum Jahr 2020. Die Themen Umwelt- bzw. Klimaschutz und soziale Verantwortung werden heutzutage, im Gegensatz zu früher, von vielen Unternehmen apostrophiert, auch wenn sie nicht von allen tatsächlich gelebt werden.

Dr. Otto im Tienshan-Gebirge in Kirgistan – intakte Gletscher gibt es leider immer seltener.

Trotzdem betrachten viele Unternehmen Klimaschutz vor allem als Kostenfaktor. Wie stehen Sie dazu?
Eine nachhaltige Wirtschaftstätigkeit kostet nicht nur, sie hilft auch zu sparen. Bestes Beispiel sind die Energiekosten – hierbei sind Energievermeidung und eine hohe Energieeffizienz durchaus im wirtschaftlichen Interesse von Unternehmen. Dies wird nicht nur an den eigenen Standorten deutlich, sondern insbesondere auch in der Transportlogistik. Dort arbeiten wir unter anderem an einer kontinuierlichen Verringerung des ohnehin schon geringen CO2– bzw. kostenintensiven Luftfrachtanteils, indem wir noch mehr Transporte auf das Schiff und die Schiene verlagern. Grundsätzlich legen wir über unsere gesamte Wertschöpfungskette hinweg besonderes Augenmerk auf den sparsamen Einsatz natürlicher Ressourcen wie Wasser, Holz und Energie.

210_dmo_auf_sylt_2011Und wie stehen Sie zum Thema Wachstum?
Wirtschaftliches Wachstum kann durchaus nach der Knappheit der natürlichen Ressourcen ausgerichtet werden und gleichzeitig dem sozialen Fortschritt zuträglich sein. Dazu bedarf es aber langfristiger Strategien. Global werden wir ohne Wachstum nicht auskommen. Die Entwicklungs- und Schwellenländer brauchen Wachstum, um den Lebensstandard ihrer Bürger zu erhöhen. Für die Industrieländer dagegen gilt, dass sie Abschied nehmen müssen vom quantitativen Wachstum. Wir brauchen ein qualitatives Wachstum. Das heißt: Wir müssen zu Produkten kommen, die länger halten. Wirtschaft und Gesellschaft müssen sich in diesem Sinn verändern.

Sind Klimaschutz und Nachhaltigkeit auch Imagefaktoren für die Unternehmen geworden?
Es gibt Unternehmen, die nachhaltige Wirtschaftstätigkeit immer noch mit reiner Wohltätigkeit verwechseln. Sie finanzieren Umwelt- und Sozialprojekte aus Gewinnen, die sie zuvor unter wenig nachhaltigen Aspekten erwirtschaftet haben. Für diese Unternehmen mag das Thema ein Imagefaktor sein. Für mich steht Nachhaltigkeit hingegen für ein verantwortungsvolles Unternehmensmanagement. Nachhaltiges Wirtschaften muss integraler Bestandteil der Unternehmenspolitik sein. Alle Unternehmen, die dieses Thema ernsthaft angehen, steigen in ihrer Glaubwürdigkeit und damit automatisch auch in ihrer öffentlichen Reputation.

Was unterscheidet die Stiftung 2° von anderen Wirtschaftsverbänden?
Wir wollen uns mit dieser Initiative von den Positionen der etablierten Interessenvertreter der Wirtschaft abheben, die gemäß dem Geleitzugprinzip versuchen müssen, auch noch die Langsamen unter ihren Mitgliedern mitzunehmen und sich deshalb in der Vergangenheit gegenüber einer anspruchsvollen Klimaschutzpolitik eher zurückhaltend geäußert haben. Aber ehrgeizige Ziele setzen Kreativität und Erfindergeist frei. Davon haben wir in Deutschland reichlich. Und ich habe keinen Zweifel, dass wir uns damit im weltweiten Wettbewerb um die besten Konzepte für den Klimaschutz sehr gut behaupten können.

Fotos: © Otto Group